Son of a Beach – Leben und arbeiten am Strand? Andreas Schmidt im Interview

Son of a Beach – Leben und arbeiten am Strand? Das war die Frage, mit der wir uns bei der Veranstaltung im Rahmen der Internetwoche Köln 2016 beschäftigt haben. Eva Mohr, Mit-Gründerin von Allthatiwant.com und Andreas Schmidt, Projektmanager bei Volt, beantworteten gestern Abend zahlreiche Fragen zum Thema Arbeiten 4.0.

Remote arbeiten ist mittlerweile für viele Selbstständige, Freiberufler und auch Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Viele denken bei dem Begriff „Digitale Nomaden“ als erstes an Blogger, die in einer Strandhütte auf Bali sitzen und sich durch ihren Blog finanzieren – der Alltag sieht allerdings häufig so aus, dass oft ganze Teams auf verschiedene Standorte, Länder, manchmal Kontinente verteilt sind und sich organisieren müssen.

Andreas hat uns nach der gestrigen Veranstaltung nochmal im Interview die wichtigsten Fragen zum Thema beantwortet.

Interview/ Text: Lara Jacobs  Bilder: Sebastian Scholz

Solution Space: Hallo, Andreas! Du warst gestern Speaker bei unserer Veranstaltung „Son of a Beach – Leben und arbeiten am Strand?“. Erzähl´ uns doch kurz, wer Du bist und warum Du zu diesem Thema Experte bist.

Andreas: Ich bin freiberuflicher Projektmanager, mein Gebiet ist, dass ich für viele Firmen Troubleshooting mache, also in Projekte gehe, in denen es gerade hängt, oder externe Hilfe nötig ist. Das ist mein Aufhänger für die normalen Projekte, die ich mache. Das heißt z.B., dass ich zu einem Startup komme, dass schon ein Produkt hat, das funktioniert und Hilfestellung gebe, wenn es um das zweite Produkt geht – das kann Idiation oder Validation sein, oder einfach Strukturierung im Unternehmen.

Momentan arbeite ich hauptsächlich für einen Hauptkunden aus Kopenhagen: Volt. Wir betreiben einen Ladeservice für Handys auf Musikfestivals. Dadurch bin ich natürlich relativ viel unterwegs, ich glaube letztes Jahr waren es 10 Länder und 12 Musikfestivals. Insgesamt habe ich in den letzten fünf Jahren mit 65-70 Startups gearbeitet.

Solution Space: Und was sind Deiner Meinung nach die beonderen Herausforderungen für multi-lokale Teams?

Andreas: Also die größte Herausforderung ich sicherlich die Kommunikation. Kommunikation ist unglaublich wichtig – viele Sachen, die in einem persönlichen Gespräch möglich sind, sind manchmal schwierig digital zu vermitteln. Wenn du ein ernsthaftes Gespräch führst, hast du einen ernsthaften Wortlaut, der in einer E-Mail manchmal nicht so einfach mitzuteilen ist.

Kommunikation ist grundsätzlich eine Herausforderung in jedem Unternehmen und dann in dem speziellen Fall natürlich auch, wie kommuniziere ich einen Inhalt sprachübergreifend an diverse Teams, die irgendwo an verschiedenen Orten gerade dieselbe Aufgabe haben.

Und natürlich auch Feedback zu bekommen und zu koordinieren, von Mitarbeitern in einem Headoffice, die eben nicht mit vor Ort auf dem Festival sind.

Solution Space: Was sind Tools, die ihr benutzt, um Euer Projektmanagement zu erleichtern – die Kommunikation, Koordination?

Andreas: Ein Tool, das man als Notizbuch benutzen kann, ist Evernote. Das benutzen wir bei Volt nur bedingt, privat nutze ich es extrem viel. Dann benutzen wir Asana und Podio, zwei Klassiker im Projektmanagement. Ansonsten benutze ich noch Slack und auch Trello, relativ viele Google Tools, vor allem Docs und Sheets, weil du da einfach gut mit mehreren Leuten dran arbeiten kannst.

Für Jobs ist für mich auch LinkedIn wichtig, als professionelles Netzwerk Tool. Facebook ist für uns tatsächlich auch sehr wichtig. Wir machen z.B. für jedes Festival eine eigene Facebook Gruppe, da unsere Arbeitnehmer ja relativ jung sind und mit denen Facebook einfach sehr gut funktioniert und die in der Facebook Gruppe tatsächlich erheblich freier kommunizieren, als sie das in einem Projektmanagement Tool tun würden. Da bekommt man auch Kritik und Feedback sehr unmittelbar.

Für die Finanzen benutzen wir Outlay, ein Abrechnungstool für Quittungen, das bei großen Teams sehr gut funktioniert. Privat benutze ich Spendee, eine App die meine Kosten pro Projekt erfasst.

Ansonsten benutze ich noch Adobe Apps und natürlich verschiedene Cloud Anwendungen wie Google Drive, Dropbox, etc..

Solution Space: Kommen wir zu einer weiteren Herausforderung. Wie ist es, mit Menschen zusammen zu arbeiten, die man noch nie getroffen hat und möglicherweise auch nie treffen wird? Stichwort Vertrauen und Beziehung aufbauen.

Andreas: Also es gibt eine Sache, die sich in Dänemark tatsächlich erheblich von der Arbeitsweise in Deutschland unterscheidet: Die Vertrauensbasis ist erheblich höher, als das in Deutschland der Fall ist. Hier bekomme ich oft die Haltung mit, dass Mitarbeitern erstmal misstraut wird, man Angst hat, über den Tisch gezogen zu werden. In Dänemark ist es so: Wir stellen Leute mit einer Expertise ein und vertrauen auch darauf, dass sie diese Expertise, von der sie uns erzählen, dass sie sie haben, auch ausfüllen können.

Hier gibt es viele so Dinge wie Assessment Center etc., sowas machen wir in Dänemark alles gar nicht, wir trainieren die Leute und probieren auch viel aus. Und wenn das nicht passt und funktioniert, dann merken wir das schon frühzeitig. Das ist für uns viel effizienter, als viel Geld für vorzeitige Bewertung auszugeben.

Das schlägt sich auch in der Fehlerkultur wieder. Wenn etwas schief läuft, ist das ein Problem, das wir als Gesamtheit lösen müssen, wir zeigen da auf niemanden mit dem Finger.

Solution Space: Und wie verhält sich sich mit dem Vertrauensverhältnis zu Kunden? Macht es einen Unterschied, ob man als „normaler“ Mitarbeiter (also mit fester Büro Adresse) mit Kunden arbeitet, oder als Freiberufler oder „Digitaler Nomade“ der viel an verschiedenen Orten ist?

Andreas: Ich glaube, der wichtigste Grundsatz ist immer: Under-promise – Over-deliver! Es ist extrem wichtig, dass man nur verspricht, von dem man wirklich 100% sicher ist, dass man das einhalten kann und noch einen Puffer nach oben hat, um noch mehr abzuliefern. Zumindest, wenn du das erste Mal mit einem Kunden zu tun hast ist wichtig, dass der ge-WOWt ist!

Das physische Büro schafft meiner Meinung nach dadurch Vertrauen, dass Kunden das Gefühl haben, sie können da theoretisch hinfahren, jemanden antreffen und auf die Füße treten. Das ist bei einem Digitalen Nomaden natürlich, wenn der einfach sein Handy ausschaltet, (gefühlt) erstmal ein Risiko.

Andererseits muss man sagen, dass man heute ja sehr transparent ist. Wenn ich 20 schlechte Bewertungen bei Google für mein Büro bekomme, dann bringt mir auch das Büro nichts, dann kommt keiner mehr. Und genauso kann man sich als Freiberufler in verschiedenen Jobportalen ja auch „bewerten“ lassen. Ich lebe zum Beispiel sehr viel von Mund zu Mund Propaganda, von Empfehlungen.

Ein Trugschluss ist ja auch: Jemand, der 8 Stunden im Büro sitzt, arbeitet keine 8 Stunden konzentriert im Büro. Geh` mal in ein großes Unternehmen und schau` dir an, was da produktiv wirklich bei raus kommt.

Deine Arbeit ist heute wahnsinnig transparent und wichtig ist das Ergebnis, der Output. Wo man daran arbeitet, ist im Zweifel nicht wichtig und fehlendes Vertrauen kann man heute durch viele Tools auch kompensieren.

Solution Space: Wenn du drei Tipps für jemanden mit auf den Weg geben müsstest, der „ortsunabhängig“ gründen will, bzw. mit einem ortsunabhängigen Team – welche wären das?

Andreas: Der erste Tipp ist, wenn man wirklich gründen will, extrem viel Zeit in die Gründungsidee zu investieren. Man scharrt am Anfang mit den Füßen und möchte am liebsten direkt ein Büro einrichten und sofort loslegen. Aber ganz wichtig ist es, die Geschäftsidee richtig sauber zu durchdenken und jeden möglichen Fehler zu finden, bevor man loslegt. Du solltest dann loslegen, wenn du eigentlich schon irgendeinen Output generieren kannst.

Der zweite Tipp wäre: sich mit Profis umgeben! Es gibt ganz viel heiße Luft von Leuten, die viel erzählen was ich alles theoretisch machen wollen würden. Ich will aber Ergebnisse, also Teams, die Ergebnisse produzieren können. Was man braucht, sind Leute, die was reißen können. Häufig hört man den Satz „Die Idee hätte man haben müssen!“, es ist aber nicht die Idee, du hättest 20 Mal die Idee für Facebook haben können, am Ende ist nur relevant, das durchzuziehen. Du brauchst Leute, die was durchziehen können.

Da kann es eben auch sein, dass jemand, der einen total kruden Lebenslauf hat, erheblich besser ist, als jemand, der von einem Einser Abi, über ein Studium an einer Eliteuni alles mitbringt, aber noch nie im wahren Leben Kontakt mit dem Kunden hatte. Der ist vielleicht gut ausgebildet, ist aber von seinem Mindset so weit davon entfernt, was eigentlich die Probleme des Kunden sind.

Und der dritte Tipp ist: locker bleiben und machen! Machen ist wie drüber reden, nur geiler! (lacht)

Solution Space: Vielen Dank für Deine Einblicke und das spannende Gespräch – wir sind gespannt, wohin es Dich als nächstes verschlägt!

 

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